Ein Diskussionsbeitrag von Thomas Richter
FLOSS ist auch ein lokales Phänomen
Seitdem sich FLOSS-Communities (FLOSS=Free/Libre/Open Source Software) entwickeln und organisieren, gibt es auch mehr und mehr auf regionaler Ebene den Wunsch, sich in regelmäßigen Treffen zu Stammtischen oder User- Group-Treffen zusammen zu finden. Obwohl die Nutzung und Weiterentwicklung von Softwareprodukten im Umfeld von Open Source ein Phänomen ist, welches erst durch computervermittelte Kommunikations ermöglicht wird, haben die Erfahrungen in der Open Source Community gezeigt, das es für die Entwicklung der Gemeinschaft ebenso wie für die Entwicklung der einzelnen Softwareprodukte nützlich ist, sich in Real Life zu treffen, zu kommunizieren, zu arbeiten und Spaß zu haben. Neben großen internationalen Usertreffen spielen gerade regionale Usergroups eine wichtige Rolle, die Gemeinschaft zu vertiefen.
Diese Treffen werden meist über den Aufruf in Mailinglisten online ins Leben gerufen und die Nutzung von Mailinglisten, IRCs, Wikis und Homepages ist ein wichtiges Merkmal der Organisation, Vorbereitung von Treffen, Anmeldung von neuen Teilnehmern usw.
Da die FLOSS-Communities meist nicht über reale Infrastrukturen verfügen, formale Vereine, Büros, Gebäude und andere Räumlichkeiten, sind sie auf Unterstützung lokaler Organisationen oder Firmen hinsichtlich der Infrastruktur angewiesen.
Diese Unterstützung ist je nach Organisationstalent der Teilnehmer und vorhandenen Ressourcen von beteiligten Firmen mehr oder weniger gut vorhanden.
Meine These ist es, dass die positiven Effekte für Weiterentwicklung und Verbreitung von FLOSS-Technologien einen positiven Effekt für die Region darstellen, in der FLOSS Aktivitäten stattfinden, und dies wiederum eine zu fördernde soziale Aktivität darstellt, deren Unterstützung durch die Stadt gleichermaßen sinnvoll und nützlich ist. Je besser FLOSS-Gruppen in einer Region organisiert sind und je dichter die Kommunikation und Unterstützung innerhalb der Gemeinschaft ist, desto grösser ist der Lernfortschritt bei der Aneignung neuer Technologien für die Beteiligten und umso grösser auch der Effekt auf die Qualifikation neuer Teilnehmer. Da Weiterbildung und fachliche Qualifikation im IT-Bereich im Allgemeinen und in der Fähigkeit OpenSource Technologien anzuwenden und fortzuentwickeln im Besonderen eine Schlüsselressource des 21. Jahrhunderts darstellen, kann es für eine Stadt/Region zu einem Standortvorteil werden, wenn sie in ihrer Region besonders günstige Bedingungen für die Ausprägung solcher FLOSS-Gruppen zu Verfügung stellt. FLOSS-Gemeinschaften stellen eine effiziente Infrastruktur für Weiterbildung und Schulung zur Verfügung. Neueste Online-Teaching-Technologien wie Interent-Video, Screencasts, Podcasts, Onlinekooperation usw. werden hier besonders intensiv und innovativ genutzt (z.B. in der Plone-Community). Diese FLOSS-Gruppen sind geradezu Entwicklungslaboratorien für neue Formen der Online-Wissensvermittlung.
Freiwillige Selbstverwaltungsaufgaben der Kommune
Die Förderung von FLOSS in der Kommune erstreckt sich auf zwei Bereiche der kommunalen Selbstverwaltung, der Förderung von Bildung und der kommunalen Wirtschaftsförderung. Daneben würde auch ehrenamtliches Handeln gefördert, ist doch ein wesentliches Motiv bei der Teilnahme an FLOSS, der Gemeinschaft etwas zurück zugeben.
Wie kann die Stadt der FLOSS-Gemeinschaft helfen?
Dies könnte in Form einer Kontakt- und Informationsstelle für lokale FLOSS User Groups die von der Stadt und anderen Sponsoren finanziert wird, geschehen. Eine solche Kontaktstelle könnte den Gruppen als Ansprechpartner und Unterstützungsstelle beim Organisieren von Treffen, in der Entstehungsphase der Gruppen, durch die Bereitstellung von Gruppenräumen, die mit entsprechnender Kommunikationstechnik, wie W-LAN und Beamer ausgestattet sind, und in der Öffentlichkeitsarbeit als Netzwerkpartner und Multiplikator geschehen. Ausserdem könnte ein solches Zentrum grössere FLOSS-Treffen, Sprints (das sind gemeinsame Programiersessions) und Tagungen organisieren helfen.
Wir sehen in einer solchen durch die Stadt geförderten Zusammenarbeit kurz- und mittelfristig die Möglichkeit beiderseitige Probleme zu lösen: die Gruppen brauchen Infrastruktur für ihre Treffen, die Städte brauchen evtl. Unterstützung bei der Implementierung ihrer FLOSS-Strategien. Mittel- und langfristig sehen wir in der lokalen Förderung von User Groups durch die Städte ein Potential, positiv die Standortfaktoren bei der Entwicklung einer lokalen FLOSS-Industrie zu beeinflussen, denn sich gut entwickelnde User Groups haben Anziehungskraft für neue Teilnehmer und damit erhöht sich die Chance, hochqualifizierte Arbeitskräfte in die Region zu locken. Ausserdem glauben wir, dass es eine wichtige bildungspolitische Aufgabe der Kommune sein müsste, die Entwicklung einer starken lokalen FLOSS-Szene nach besten Kräften zu unterstützen.
Wir sind der Überzeugung, dass sich mit der Herrausbildung verschiedener lokaler Usergroups im FLOSS Bereich ein Potential für die Region im Sinne eines Expertenpools ebenso, wie im Sinne einer effizienten Form, Interessenten aus der Region für das Thema FLOSS zu gewinnen und Wissen zu transferieren, herauszubilden beginnt. Wir glauben, dass es im Interesse kommunaler Politik sein sollte, dieses Potential zu nutzen und zu entwickeln. Wir setzen uns dafür ein, die Interessen der verschiedenen User Groups zu bündeln und eine Schnittstelle für die Kommune zur Verfügung zu stellen, um auf diesem innovativen Gebiet der Entwicklung von Communities im Bereich FLOSS Konzepte und Modelle zu entwickeln und Erfahrungen auszutauschen.
Zitate zu FLOSS aus: Study on the: Economic impact of open source software on innovation and the competitiveness of the Information and Communication Technologies (ICT) sector in the EU
- Almost two-thirds of FLOSS software is still written by individuals; firms contribute about 15% and other institutions another 20%.
- Europe is the leading region in terms of globally collaborating FLOSS software developers, and leads in terms of global project leaders, followed closely by North America (interestingly, more in the East Coast than the West). Asia and Latin America face disadvantages at least partly due to language barriers, but may have an increasing share of developers active in local communities.
- By providing a skills development environment valued by employers and retaining a greater share of value addition locally, FLOSS can encourage the creation of SMEs and jobs. Given Europe’s historically lower ability to create new software businesses compared to the US, due to restricted venture capital and risk tolerance, the high share of European FLOSS developers provides a unique opportunity to create new software businesses and reach towards the Lisbon goals of making Europe the most competitive knowledge economy by 2010.
- ICT infrastructure has a 10% share of European GDP, providing a basis for a further 2.5% share of GDP in the form of the non-ICT information content industry. However, a large and increasing share of user-generated content is not accounted for and needs to be addressed by policy makers; FLOSS increases the value of the ICT infrastructure, supporting this wider information ecosystem.
- Increased FLOSS use may provide a way for Europe to compensate for a low GDP share of ICT investment relative to the US. A growth and innovation simulation model shows that increasing the FLOSS share of software investment from 20% to 40% would lead to a 0.1% increase in annual EU GDP growth excluding benefits within the ICT industry itself – i.e. over Euro 10 billion annually.
- Policy strategies focus mainly on correcting current policies and practices that implicitly or explicitly favour proprietary software:
- Avoid lifelong vendor lock-in in educational systems by teaching students skills, not specific applications; encourage participation in FLOSS-like communities
- Encourage partnerships between large firms, SMEs and the FLOSS community
weitere Ressourcen:
"Top ten ways to get involved with the plone community" - Vortrag auf Plone-Conf 2007
"Creating a plone user group from scratch" - Vortrag auf PloneConf 2007
"Software and Community in the Early 21st Century" - Vortrag auf PloneConf2006
Diskussion der FSFECologne zum Thema FLOSS und Stadt am 18.12.2007 in Köln.